
Das Corporate & Investment Banking (CIB) erlebt einen tiefgreifenden Wandel: Während Rekorderträge das Fundament für Investitionen legen, verschieben sich die Wertschöpfungsketten hin zu Non-Bank-Financial-Institutions (NBFIs), Private-Credit-Fonds und KI-gestützten Prozessen. Für europäische und insbesondere deutsche Institute entscheidet das aktuelle Investitionsfenster über ihre zukünftige Relevanz und Eigenkapitalrentabilität.
Wachstum des globalen CIB-Ertragspools bis 2030
Der weltweite CIB-Ertragspool wird laut der Boston Consulting Group (BCG) im Jahr 2026 etwa 1,12 Billionen US-Dollar betragen – ein Plus von über 7 % gegenüber dem Vorjahr – und bis 2030 auf rund 1,39 Billionen US-Dollar anwachsen. Das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von rund fünf Prozent. Der Anstieg wird durch höhere Handelsumsätze, eine Erholung des Kapitalmarktgeschäfts und die steigende Nachfrage institutioneller Investoren getrieben.
Nichtbanken gewinnen Marktanteile
Der Anteil von NBFIs am gesamten CIB-Ertragspool stieg von lediglich 4 % im Jahr 2013 auf 19 % im Jahr 2026 und soll bis 2030 23 % erreichen. Im Kapitalmarktgeschäft hat sich ihr Anteil seit 2020 von 14 % auf etwa 30 % mehr als verdoppelt. Dieser Trend ist kein reines Marktdynamik-Phänomen, sondern das Ergebnis post-krisenbedingter Eigenkapitalregulierungen, die klassische Banken dazu veranlassen, direktere Unternehmenskredite zu reduzieren.
“Der Vormarsch von Private-Credit-Fonds und NBFIs ist maßgeblich durch asymmetrische Eigenkapitalregeln (Basel III) begünstigt worden”, heißt es im BCG-Report.
Nach diesem Abschnitt folgt ein Blick auf die konkreten Zahlen, die die Aufwärtsrevision des Marktpotenzials belegen.
Aufschlüsselung des Ertragspools nach Institutsart (Banken vs. NBFIs)
- Ertrag regulierter Banken im CIB 2026: 907 Mrd. USD (Wachstum ca. 6 % gegenüber dem Vorjahr, BCG-Prognose)
- Ertrag von NBFIs 2026: über 200 Mrd. USD
- Gesamtertragspool CIB inkl. NBFIs 2030 (revidiert): 1,39 Billionen USD (zuvor 1,31 Billionen USD geschätzt)
Die Differenzierung zwischen klassischen Banken und Schattenbanken verdeutlicht, dass das Marktvolumen stärker steigt, als es in früheren Analysen angenommen wurde.
Regulatorische Triebfedern der Kreditverlagerung zu Private Credit
In den USA sank der Anteil regulierter Banken an Unternehmenskrediten von 48 % im Jahr 2015 auf 29 % im Jahr 2025. Strenge Eigenkapitalunterlegung verteuerte direkte Firmenkredite, sodass Banken vermehrt als Hebelgeber für Private-Credit-Fonds (Fund Financing) auftraten. Dieses Segment wuchs von 2022 bis 2025 jährlich um 15 % und bot margenstarke Erträge, birgt jedoch versteckte Klumpen- und Liquiditätsrisiken.
“Wenn Banken Private-Credit-Fonds fremdfinanzieren, tragen sie über Hebelstrukturen erhebliche Gegenparteirisiken”, warnt die BCG-Analyse.
Strukturelle Neuausrichtung der Kundenabdeckung (Client Coverage)
Traditionelle Unternehmenskunden machen 2026 nur noch rund 46 % des bereinigten CIB-Kundenhonorarpools aus. Gleichzeitig entfallen 54 % auf institutionelle Investoren, Hedgefonds und Private-Equity-Sponsoren. Diese Verlagerung erfordert das Aufbrechen siloartiger Produktstrukturen und den Aufbau integrierter Betreuungsmodelle, die Finanzierung, Trading und Cash Management kombinieren.
- Institutionelle Investoren/Sponsoren/Hedgefonds: 54 % des CIB-Honorarpools 2026
- Klassische Corporates: 46 %
Institute, die diese integrierten Modelle nicht implementieren, riskieren, in das untere Quartil der Rentabilität abzurutschen.
Künstliche Intelligenz als Effizienztreiber im CIB
Bis 2030 kann KI bis zu 40 % der heutigen Personalkapazitäten im Middle- und Backoffice freisetzen. Die Freisetzung bezieht sich auf rechnerische Vollzeitäquivalente (FTE) und bedeutet keinen unmittelbaren Stellenabbau, sondern Umschulungen in Bereichen wie IT-Engineering, Governance und Datenmanagement.
“BCG betont ausdrücklich, dass es sich um eine rechnerische Vollzeitäquivalent-Kapazität (FTE) handelt”, erklärt einer der Studienautoren.
Die Realisierung erfordert standardisierte Datenmodelle, Prozessintegration und die Vermeidung isolierter Pilotprojekte.
Profitabilitätskluft zwischen Vorreitern und Nachzüglern
Im Jahr 2030 wird zwischen den führenden Instituten und den Nachzüglern eine erhebliche Spreizung erwartet. Vorreiter erreichen eine Cost-Income-Ratio (CIR) von 53 % und eine Return on Tangible Equity (RoTE) von 21 %, während Nachzügler mit einer CIR von 68 % lediglich eine RoTE von 10 % erzielen.
Die Zahlen verdeutlichen, dass wachsende Markterträge allein nicht ausreichen; Effizienz, Kundensegmentierung und technologische Fähigkeiten entscheiden über die Wettbewerbsposition.
Schnellüberblick:
Bedeutet eine Kapazitätsfreisetzung von 40 % im Backoffice einen massiven Stellenabbau?
Nein, BCG betont ausdrücklich, dass es sich um eine rechnerische Vollzeitäquivalent-Kapazität (FTE) handelt. Ein Großteil dieser Ressourcen dürfte durch Umschulung in komplexere Tätigkeiten wie IT-Engineering, Governance, Datenmanagement und fallbezogene Strukturierung überführt werden.
Warum finanzieren Banken Private-Credit-Fonds, wenn diese ihnen Firmenkunden abwerben?
Banken kompensieren den Rückgang im direkten Unternehmenskreditgeschäft durch margenstarke fondsspezifische Finanzierungen (Subscription Lines, NAV-Kredite), die von 2022 bis 2025 um jährlich 15 % wuchsen und unter den aktuellen Eigenkapitalregeln regulatorisch vorteilhafter behandelt werden.
Wie groß ist die prognostizierte Rentabilitätskluft zwischen Banken bis 2030?
Die Spreizung ist historisch hoch: Führende Institute dürften bei einer Cost-Income-Ratio von 53 % eine Eigenkapitalrendite (RoTE) von 21 % erzielen, während Nachzügler bei einer CIR von 68 % lediglich 10 % Rendite erwirtschaften.







