
Die geplante gesetzliche Reform der privaten Altersvorsorge, die 2027 mit dem neuen Altersvorsorgedepot startet, schafft neue Anreize, aber auch neue Herausforderungen. Banken, Sparkassen und Versicherer benötigen ein tiefes Verständnis dafür, warum Kunden trotz vorhandener Sparbereitschaft bislang nicht privat vorsorgen – insbesondere, um Beratungs- und Produktstrategien passgenau auszurichten.
Methodischer Rahmen der DIA-Studie
Die Untersuchung basiert auf einer bundesweiten INSA-Consulere-Umfrage im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) vom Spätsommer 2026. Sie befragte 2.004 erwachsene Bundesbürger zwischen dem 31. Juli und dem 3. August 2026 und liefert repräsentative Daten zu Barrieren, Sparbereitschaft und potenziellen Verhaltensänderungen.
- Stichprobengröße: 2.004 Personen (2026)
- Erhebungszeitraum: 31. Juli – 3. August 2026
- Auftraggeber: Deutsches Institut für Altersvorsorge (DIA)
“Die Studie liefert exakte methodische Eckdaten und stärkt die Glaubwürdigkeit der zitierten Prozentwerte.” – Dr. Peter Schwark, DIA
Ergebnisse: Finanzielle Spielräume und Vertrauen
Die Kernerkenntnisse zeigen, dass die größte Hürde für private Vorsorge der fehlende finanzielle Spielraum ist (43 %). Darauf folgt Zweifel an der langfristigen Verlässlichkeit von Finanz- und Vorsorgeprodukten (29 %).
- Fehlender finanzieller Spielraum: 43 % (gesamt)
- Zweifel an Produktverlässlichkeit: 29 % (gesamt)
- Wissens- und Orientierungsprobleme: 10 %
- Fehlendes Interesse oder niedrige Priorität: 8 %
Ein zusätzlicher monatlicher Betrag von dauerhaft 100 Euro würde 52 % der Befragten zum Einstieg oder zur Aufstockung ihrer privaten Vorsorge bewegen. Besonders stark wirkt dieser Anreiz bei jungen Erwachsenen (18-29 Jahre): 65 % würden das zusätzliche Geld nutzen.
- +100 € / Monat → 52 % Verhaltensänderung (gesamt)
- 18-29 Jahre: 65 %
- 30-39 Jahre: 62 %
- 40-49 Jahre: 57 %
- 50-59 Jahre: 53 %
“100 Euro können Vorsorgeverhalten ändern.” – Bank-Blog, Dr. Hansjörg Leichsenring
Alters- und Einkommensabhängige Barrieren
Altersunterschiede
Bei den 18- bis 29-Jährigen liegen fehlender Spielraum (30 %) und mangelndes Vertrauen (31 %) nahezu gleichauf. In allen höheren Altersgruppen dominiert jedoch der finanzielle Spielraum: 38 % (30-39 Jahre), 43 % (40-49 Jahre), 46 % (50-59 Jahre) und 52 % (60-69 Jahre). Der Orientierungsbedarf konzentriert sich auf die jungen Kohorten (je 18 % sehen fehlendes Wissen als größte Hürde).
Einkommensabhängige Barrieren
Der fehlende Spielraum nimmt mit steigendem Haushaltseinkommen ab, während das Misstrauen steigt:
- Einkommen < 1.000 €: 62 % nennen fehlenden Spielraum
- Einkommen 1.000-1.999 €: 48 %
- Einkommen 2.000-2.999 €: 46 %
- Einkommen 3.000-3.999 €: 42 %
- Einkommen ≥ 4.000 €: 33 % (Spielraum); Vertrauen dagegen 38 % – das meistgenannte Hindernis
“Vertrauen verlangt mehr als Information.” – Aussage aus der Studie, die betont, dass höhere Einkommensgruppen vor allem verlässliche Produktversprechen benötigen.
Auswirkungen der geplanten Altersvorsorgereform 2027
Das verabschiedete Reformgesetz ersetzt die starre 4-Prozent-Regel durch ein zertifiziertes Altersvorsorgedepot. Die Förderung gliedert sich wie folgt:
- Grundfördersatz auf Sockelbeitrag: 50 % für die ersten 360 € Jahres-Eigenbeitrag
- Zusätzliche Förderung: 25 % auf Beträge über 360 € bis zu einem Eigenbeitrag von 1.800 € (maximale Grundzulage 540 € /Jahr)
- Mindest-Eigenbeitrag für Zulagen: 120 € /Jahr (10 € /Monat)
Durch die 50 %-Grundzulage kann die Hürde des fehlenden finanziellen Spielraums gezielt gesenkt werden – insbesondere für Kunden, die derzeit keine ausreichenden Mittel für private Vorsorge bereitstellen können.
Paradoxon hoher Sparquoten bei falscher Allokation
Obwohl 43 % der Befragten über zu wenig finanziellen Spielraum klagen, liegt die gesamtwirtschaftliche Sparquote privater Haushalte laut Statistischem Bundesamt bei 10,3 % (2025). Das meiste Liquidvermögen (ca. 9.216 Milliarden € im 2. Quartal 2025) befindet sich jedoch auf zinsarmen Sichteinlagen und Tagesgeldern – also ohne langfristige Renditeaussichten.
Dieses Paradoxon verdeutlicht, dass neben absoluter Budgetknappheit auch mentale Kontoführung, Risikoaversion und fehlende Anreize für eine ertragsstarke Allokation das Ziel der privaten Altersvorsorge behindern.
Strategische Implikationen für Banken und Sparkassen
Um von der latenten Nachfrage zu profitieren, sollten Finanzinstitute ihre Angebote differenziert ausrichten:
- Flexibler Einstieg: Produkte mit niedrigen Mindestbeiträgen (ab 120 € /Jahr) und anpassbaren Sparraten anbieten.
- Vertrauensaufbau: Transparente Kostenstruktur, klare Rendite-Risiko-Profile und verlässliche Produktinformationen besonders für Einkommens-> 4.000 €-Kunden bereitstellen.
- Digitale Orientierung: Für die 18- bis 29-Jährigen digitale Tools, leicht verständliche Vergleichsplattformen und personalisierte Beratungskonzepte entwickeln.
- Beratung von Bestandskunden: Komplexitätsfallen beim Übergang von Riester-Verträgen zum neuen Depot vermeiden – klare Migrationspfade und Service-Support sicherstellen.
- Förderintegration: Die staatliche Grundzulage von 50 % aktiv in Beratungsgesprächen kommunizieren, um den finanziellen Spielraum zu erhöhen.
Schnellüberblick:
Wie groß war die Stichprobe der DIA-Studie und wer wurde befragt?
Für die DIA-Studie befragte das Meinungsforschungsinstitut INSA Consulere zwischen dem 31. Juli und dem 3. August 2026 insgesamt 2.004 erwachsene Bundesbürger repräsentativ zu Hürden und Potenzialen der privaten Altersvorsorge.
Wie genau sieht die staatliche Förderung beim neuen Altersvorsorgedepot ab 2027 aus?
Ab 2027 fördert der Bund Eigenbeiträge mit 50 % auf die ersten 360 Euro und 25 % auf darüber hinausgehende Beträge bis 1.800 Euro (Höchstförderung: 540 Euro pro Jahr). Für anspruchsberechtigte Kinder fließen bis zu 300 Euro Kinderzulage, während ein jährlicher Mindestbeitrag von 120 Euro gilt.
Warum scheitert die Altersvorsorge selbst bei gut situierten Haushalten?
Bei Haushalten mit einem Nettoeinkommen ab 4.000 Euro ist mangelnder Spielraum zweitrangig (33 %). Stattdessen rangieren hier Zweifel an Produktkosten, Renditen und Verlässlichkeit der Finanzanbieter mit 38 % als größte Hürde.
Welche Risiken birgt das neue Depotmodell ohne 100-Prozent-Beitragsgarantie?
Der Wegfall der vollen Beitragsgarantie ermöglicht höhere Renditen, birgt jedoch Verlustrisiken. Ohne ausreichende Aufklärung kann dies das bereits fragile Produktvertrauen insbesondere bei sicherheitsorientierten Sparern weiter belasten.
Wie stark sinkt der Riester-Bestand?
Der Gesamtbestand geförderter Riester-Verträge betrug Ende 2025 noch 15,678 Millionen Verträge – ein Rückgang von etwa 268.000 Verträgen gegenüber dem Vorjahr, was den anhaltenden Vertrauensverlust verdeutlicht.
Quellen
- https://www.dia-vorsorge.de/altersvorsorge/mehrheit-der-18-bis-59-jaehrigen-wuerde-zusaetzlichen-finanziellen-spielraum-fuer-altersvorsorge-nutzen/
- https://www.cash-online.de/vorsorge/2026/altersvorsorgedepot-2027-das-aendert-sich-gegenueber-riester/734281/
- https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Ueber-uns-und-Presse/Presse/Meldungen/2026/260508-altersvorsorge-reformgesetz.html
- https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/10/PD25398811.html







