
Ab Januar 2027 startet das neu reformierte Altersvorsorgedepot (AVD) in Deutschland und stellt die kapitalgedeckte Privatvorsorge grundlegend um. Der Neobroker Trade Republic will das Produkt mit einem komplett kostenfreien Modell auf den Markt bringen – ein Schritt, der sowohl für Sparer als auch für etablierte Banken erhebliche Folgen hat.
Stateförderung und Kostenstruktur des Altersvorsorgedepots
Die staatliche Förderung ist in ein zweistufiges Zuschusssystem eingebettet, das sich wie folgt zusammensetzt:
- Grundzulage Stufe 1: 50 % Zuschuss auf die ersten 360 € Eigenbeitrag (max. 180 €).
- Grundzulage Stufe 2: 25 % Zuschuss auf Eigenbeiträge von 361 € bis 1.800 € (max. 360 €).
- Damit erreicht ein Sparer, der monatlich 150 € spart, den Höchstzuschuss von 540 € pro Jahr.
- Kinderzulage: 100 % Zuschuss bis zu 300 € pro Kind und Jahr, bereits ab 25 € monatlichem Eigenbeitrag voll ausgeschöpft.
- Berufseinsteigerbonus: einmalig 200 € für Sparer bis zum vollendeten 25. Lebensjahr.
Der gesetzliche Kostendeckel für das zertifizierte Standarddepot liegt laut Bundesfinanzministerium bei 1,0 % Effektivkosten p. a. (Quelle S1).
Trade Republics Nulltarif-Versprechen
Trade Republic hat angekündigt, sowohl die Depotführung als auch die Ausführung von ETF-Sparplänen dauerhaft kostenfrei anzubieten. Zusätzlich entfallen Produktkosten für über 50 ausgewählte ETFs, darunter MSCI World, FTSE All-World, S&P 500, Stoxx 600 und der Vanguard FTSE Global All-Cap.
„Für uns war immer klar, dass das Angebot kostenlos sein wird“, sagte Trade-Republic-CEO Christian Hecker (Capital, Oktober 2026). Er betonte, dass die Gebührenfreiheit „dauerhaft“ gelten und keine Pläne für spätere Gebührenänderungen bestehen.
Der Ansatz ist nicht nur attraktiv für Kleinsparer, sondern dient Trade Republic zudem als zentrales Kundenakquisitions- und Cross-Selling-Instrument. Bereits heute führt das Unternehmen rund 30 Mio. Sparpläne pro Quartal aus, wodurch zusätzliche Kosten für das Ausführen weiterer Sparpläne nahezu entfallen.
Strategischer Preiskampf in der Bankenlandschaft
Die Einführung des AVD löst einen intensiven Preiskampf aus. Laut dem AVD-Barometer 2027 von dwpbank und lemon.markets bewerten 86 % der befragten Institute das Altersvorsorgedepot als strategisches Kernprodukt, und 90 % planen ein entsprechendes Angebot.
- 84 % sehen langfristige Kundenbindung als Haupttreiber.
- 58 % fokussieren sich auf Cross-Selling-Potenziale.
- Nur 7 % der Institute beabsichtigen, als Preisführer aufzutreten.
Die Zahlen verdeutlichen, warum Neobroker wie Trade Republic und Scalable Capital eine Ausnahmestellung als aggressive Preisführer einnehmen, während die Mehrheit der traditionellen Banken eher auf Kundenbindung und Zusatzgeschäft setzt.
„Der Vorstoß von Trade Republic trifft eine Branche, die den Start des Altersvorsorgedepots ohnehin mit gemischten Gefühlen erwartet“, heißt es im Artikel von Daniel Hüfner (Capital, Oktober 2026).
Steuerliche Besonderheiten in der Auszahlungsphase
Im Unterschied zum regulären Wertpapierdepot unterliegt die Auszahlung des AVD im Ruhestand der vollen nachgelagerten Einkommensteuer nach dem persönlichen Steuersatz. Die gewohnte 30-prozentige Teilfreistellung für Aktienfonds entfällt vollständig.
- Frühester regulärer Auszahlungsbeginn: 65 Jahre.
- Auszahlungsdauer: mindestens bis zum 85. Lebensjahr oder alternativ lebenslange Leibrente.
- Vorzeitige Entnahmen gelten als förderschädlich und führen zur Rückforderung aller Zulagen.
Diese steuerliche Mechanik kann insbesondere bei hohen sonstigen Alterseinkünften den Zinseszinseffekt der staatlichen Zulagen mindern.
Kritische Risiken und Kunden-Bindungsstrategien
Obwohl die Gebührenfreiheit verlockend klingt, gibt es mehrere Risikofaktoren:
- Nachgelagerte Besteuerung ohne Teilfreistellung reduziert die Nettorendite, wenn Sparer im Alter einem hohen Einkommenssteuersatz unterliegen.
- Eingeschränkte Liquidität: Vorzeitige Entnahmen vor dem 65. Jahr führen zur vollständigen Rückforderung der Förderzulagen.
- Abhängigkeit von Neobroker-Mischkalkulationen: Zusätzliche Services (z. B. Fondsumschichtungen) könnten mittelfristig mit versteckten Spreads belegt werden.
Dennoch bietet das Modell für Kleinsparer und Familien ein attraktives Gesamtkonzept, solange die Förderungen optimal ausgenutzt und die steuerlichen Folgen in der Auszahlungsphase berücksichtigt werden.
Schnellüberblick:
Wie setzt sich die maximale Grundzulage von 540 Euro exakt zusammen?
Der Staat bezuschusst die ersten 360 Euro jährlichen Eigenbeitrag mit 50 % (180 Euro). Für Einzahlungen zwischen 361 Euro und 1.800 Euro fließen weitere 25 % (max. 360 Euro), sodass bei monatlich 150 Euro der Maximalbetrag von 540 Euro erreicht wird.
Darf man beliebige Wertpapiere in das Altersvorsorgedepot legen?
Nein. Gesetzlich zugelassen sind ausschließlich diversifizierte UCITS-ETFs, offene Investmentfonds und defensive Anlageinstrumente, die auf einer Positivliste des BMF stehen. Spekulative Einzelaktien, Hebelzertifikate oder Krypto-Assets sind ausgeschlossen.
Was passiert mit bestehenden Riester-Verträgen?
Sparer können das angesparte Kapital aus bestehenden Riester-Verträgen steuer- und zulagenunschädlich in das neue Altersvorsorgedepot übertragen, um von besseren Renditechancen ohne Beitragsgarantie zu profitieren.
Wie hoch ist der gesetzliche Kostendeckel für das Standarddepot?
Der maximale Effektivkostendeckel liegt bei 1,0 % p. a. (Bundesfinanzministerium 2026, Quelle S1).
Welchen Anteil der Banken plant, das AVD als Kernprodukt anzubieten?
Laut AVD-Barometer 2027 klassifizieren 86 % die Altersvorsorge als Kernprodukt, und 90 % beabsichtigen, ein Angebot zu starten (Quelle S2).







