
Der Titel: Struktur des Geldvermögens: Die persistente Einlagen-Lastigkeit und Reformansätze für renditestarke Altersvorsorge
Deutschland weist eine der höchsten Sparquoten weltweit auf, doch ein erheblicher Teil des privaten Geldvermögens wird in zinsarmen Konten und Bargeld gehalten. Dieser Umstand führt dazu, dass das gesparte Geld trotz nominalem Höchststand real an Kaufkraft verliert. Ökonom Jörg Rocholl fordert am Vermögensaufbaugipfel von Capital und ntv tiefgreifende Reformen, um das Sparpotenzial wieder in renditestarke Anlagen zu lenken.
“Wir haben ein massives Kapitalallokationsproblem”, betont Jörg Rocholl im Oktober 2026.
Struktur des Geldvermögens: Die persistente Einlagen-Lastigkeit
Die Zahlen der Deutschen Bundesbank (Geldvermögensbildung Q4 2024) zeigen, dass das nominale Geldvermögen privater Haushalte Ende 2024 bei 9,050 Milliarden Euro liegt – ein Rekord. Davon befinden sich jedoch 37,6 % (3,406 Milliarden Euro) in Bargeld, Sichteinlagen und klassischen Tages- bzw. Festgeldkonten. Diese Vermögensformen bringen nahezu keine Rendite und sind bei anhaltender Teuerung Quelle eines schleichenden Kaufkraftverlustes.
Gleichzeitig liegt die saisonbereinigte Sparquote der privaten Haushalte laut Statistischem Bundesamt bei 10,4 % (H1 2024: 11,1 %). Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich im oberen Drittel, nutzt jedoch das Renditepotenzial des Kapitalmarkts stark unterdurchschnittlich.
Rocholls Reformarchitektur: Altersvorsorgedepot und Garantiebefreiung
Jörg Rocholl, Mitglied der Alterssicherungskommission und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen, kritisiert das derzeitige Riester-Fördersystem als “Renditekiller”. Er fordert den Verzicht auf die 100-Prozent-Beitragsgarantie und die Einführung eines zertifizierten Altersvorsorgedepots, das nach dem Vorbild des schwedischen AP7-Fonds funktioniert.
- Keine starren Kapitalgarantien – das Geld wird in breit gestreute Welt-ETFs investiert.
- Kostengünstige Entsparpläne mit automatischem Life-Cycle-De-Risking, die das Risiko kurz vor Rentenbeginn steuern.
- Direkte staatliche Zulagen, die ohne Versicherungs- und Garantie-Kosten auskommen.
Die Aktionärsquote in Deutschland liegt laut Deutschem Aktieninstitut bei 12,1 Millionen Menschen (ca. 17,2 % der Bevölkerung ab 14 Jahren). Rocholl sieht hier ein ungenutztes Kapital, das durch die Reform freigesetzt werden könnte.
Generationenkapital und gesetzliche Kapitalrente als Makro-Hebel
Neben der privaten Vorsorge fordert die Rentenkommission – unterstützt von Rocholl – den Aufbau kapitalgedeckter Puffer in der gesetzlichen Rente. Das sogenannte Generationenkapital soll ähnlich dem schwedischen staatlichen Pensionsfonds AP7 als schulden- bzw. rücklagengestützter Kapitalstock fungieren und künftige Beitragssatzsteigerungen abfedern.
Nur wenn sowohl private als auch gesetzliche Sparanlagen vom Zins- und Einlagen-Bogenschießen in renditestarke Produktivvermögen umgelenkt werden, lässt sich der Wohlstand im demografischen Wandel sichern.
Risiken und Gegenargumente
- Kapitalmarktrisiken und mangelnde Risikotoleranz: Ohne starre Garantien tragen Sparer das Marktrisiko selbst. Bei Kursverlusten kurz vor dem Renteneintritt können erhebliche Einbußen auftreten, wenn kein automatisches De-Risking greift.
- Illiquidität von Altersvorsorgedepots: Das angesparte Kapital ist bis zur Ruhestandsphase gebunden. Ein vorzeitiger Zugriff führt zu Förderrückzahlungen und steuerlichen Nachteilen.
Schnellüberblick:
Warum bezeichnen Ökonomen wie Jörg Rocholl die gesetzliche 100-Prozent-Beitragsgarantie als Renditekiller?
Weil Anbieter gezwungen sind, das Kundengeld in extrem schwankungsarme, niedrig verzinste Staatsanleihen oder Festgelder zu investieren, statt renditestarke Aktien-ETFs über Jahrzehnte den Zinseszinseffekt entfalten zu lassen.
Was unterscheidet das geplante Altersvorsorgedepot von der bisherigen Riester-Rente?
Das Altersvorsorgedepot verzichtet auf kostspielige Versicherungsmäntel und Garantiepflichten; Anleger können stattdessen direkt in zertifizierte Indexfonds (ETFs) ansparen und flexiblere Auszahlungspläne im Alter wählen.
Reicht privates Sparen allein aus, um den demografischen Wandel der Rente zu bewältigen?
Nein; Experten fordern eine synchrone Reform: Neben privatem Fondssparen soll ein kapitalgedeckter Puffer (Generationenkapital) auch die gesetzliche Umlageversicherung vor unkontrollierbaren Beitragssatzsteigerungen schützen.






