
Nach der Abspaltung von der Thyssenkrupp-Mutter hat die börsennotierte TKMS-Aktie einen erstaunlichen Kursabfall verzeichnet: Von Rekordständen über 100 Euro auf rund 75 Euro. Dies steht im krassen Gegensatz zu einem stark wachsenden Auftragsbestand und soliden operativen Kennzahlen. Für Investoren wirft die Situation ein Schlaglicht auf Vorfinanzierungsrisiken, hohe operative Bewertungsmultiplikatoren und die Belastungen durch massive Investitionsvorhaben.
Rekordaufträge und zentrale Finanzkennzahlen
Im Neunmonatszeitraum des Geschäftsjahres 2025/26 verzeichnete TKMS ein Umsatz von 1,89 Milliarden Euro und ein bereinigtes EBIT von 110 Millionen Euro. Die operative EBIT-Marge lag dabei bei 5,8 %. Parallel dazu wuchs der Auftragsbestand auf 20,1 bis 20,6 Milliarden Euro (Stand Ende Q3 2025/26). Trotz dieser starken Fundamentaldaten blieb die Aktie hinter den Erwartungen zurück.
- Umsatz 9M 2025/26: 1,89 Mrd. € (S2)
- Bereinigtes EBIT 9M 2025/26: 110 Mio. € (S2)
- Operative Marge: 5,8 % (S2)
- Auftragsbestand: ca. 20,1 – 20,6 Mrd. € (S3)
Finanzielle Dimension des MEKO-A-200-Beschlusses
Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat am 7. Oktober 2026 die Freigabe für das zweite Los der MEKO-A-200-Fregatten erteilt. Damit entsteht ein Optionswert von 5,3 Milliarden Euro für vier zusätzliche Schiffe. Zusammen mit den bereits festgeschriebenen vier Einheiten (6,3 Mrd. €) steigt das Gesamtvolumen des deutschen MEKO-Programms (F128) auf 11,6 Milliarden Euro. Der erste Liefertermin ist für Ende 2029 geplant.
„Die nächste Freudenbotschaft für TKMS: Der Haushaltsausschuss des Bundestags gibt das Geld für die Beschaffung von vier weiteren Fregatten frei“, schreibt Kolumnist Bernd Ziesemer (Capital, Oktober 2026).
- Optionswert 2. Los MEKO A-200: 5,3 Mrd. € (2026)
- Gesamtzahl Einheiten MEKO A-200 DEU: 8 (4 Festabrufe + 4 Optionen) – 11,6 Mrd. € Gesamtwert (2026)
- Ziel‑Liefertermin Erstschiff: Ende 2029 (2026)
Investitionsvolumen und Ramp‑up am Standort Wismar
Der Ausbau der ehemaligen MV‑Werft in Wismar erfordert ein Sachinvestitionsvolumen von über 200 Millionen Euro. Ziel ist der Aufbau einer neuartigen Druckkörpertaktstraße für die Serienfertigung von U‑Booten. Gleichzeitig soll die Belegschaft von rund 400 auf 1.500 – 1.700 Beschäftigte wachsen, was kurzfristig die Fixkosten und den Vorfinanzierungsbedarf stark erhöht.
„Der Aufbau der ehemaligen MV‑Werft in Wismar erfordert Sachinvestitionen von über 200 Millionen Euro, insbesondere für eine neuartige Druckkörpertaktstraße zur Serienfertigung von U‑Booten“, (Mergener 2026, ESUT).
- Standortinvestitionen Wismar: 200+ Mio. € (2026)
- Geplante Beschäftigtenzahl Wismar: 1.500 – 1.700 (2026)
Auftragsbestand und weitere Pipeline‑Verlagerungen
Neben dem bereits bilanzierten Rekord‑Auftragsbestand von rund 20 Milliarden Euro wurde TKMS als „Preferred Bidder“ für das kanadische Patrol‑Submarine‑Projekt (12 U‑212 CD‑U‑Boote) ausgewählt. Dieses Vor‑Vertragsprojekt birgt ein potenzielles Volumen von etwa 10 Milliarden Euro und bindet weitere Engineering‑Kapazitäten.
- Potentieller Kanada‑U‑Boot‑Anteil: ca. 10 Mrd. € (2026)
Risiken, Bewertung und strukturelle Hindernisse
Mehrere Faktoren erklären die Diskrepanz zwischen Auftragsboom und schwacher Kursentwicklung:
- Hohe Bewertung: Das Kurs‑Gewinn‑Verhältnis liegt bei etwa 50, was den Markt stark belastet.
- Begrenzte Marge: Die operative Marge von 5,8 % soll mittelfristig nur leicht auf 7,0 % steigen - deutlich unter den Spitzenwerten anderer Rüstungsunternehmen.
- Festpreisverträge: Langfristige Werftprojekte mit Festpreisen sind anfällig für Kostensteigerungen durch Inflation und Lieferkettenprobleme, die die knappe Marge weiter belasten.
- Klumpenrisiko: Die 51‑%‑ige Mehrheitsbeteiligung von Thyssenkrupp wirkt als Governance‑Einfluss, der Kapitalmaßnahmen und strategische Zukäufe an die Bedürfnisse der Essener Holding koppeln könnte.
- Cash‑Flow‑Belastung: Der Ausbau von Wismar und die Vorfinanzierung der großen Aufträge drücken den freien Cash‑Flow, bis die Serienfertigung volle Erträge generiert.
- Verwaltungskosten: Die eigenständige Börsenliste erhöht die administrativen Aufwendungen.
Wie Ziesemer betont: „Trotz guter Zahlen kommen die großen Herausforderungen für das TKMS‑Management erst noch.“ Die Kombination aus großem Auftragsbestand und erheblichem Investitionsbedarf macht die zukünftige Rentabilität stark abhängig von termingerechter Umsetzung und Kostenkontrolle.
Schnellüberblick:
Warum stieg der TKMS‑Kurs trotz der Fregatten‑Entscheidung des Bundestags kaum?
Die Bewilligung der 5,3 Milliarden Euro für die vier Options‑Fregatten war an den Finanzmärkten weitgehend vorweggenommen worden; Anleger fokussieren sich zunehmend auf Ausführungs‑ und Zinsrisiken der langfristigen Fertigung bis 2029.
Welche Rolle spielt die Werft Wismar für die Ertragslage von TKMS?
Wismar fungiert als Erweiterungsstandort für U‑Boot‑Sektionen und Schiffsköpfe. Vor dem Erreichen voller Auslastung verzehren Investitionen von über 200 Millionen Euro und der Aufbau von bis zu 1.700 Stellen zunächst freien Cash‑Flow.
Wie stark beeinflusst das kanadische U‑Boot‑Projekt die Gesamtpipeline?
Mit einem potenziellen Volumen von rund 10 Milliarden Euro erweitert das Projekt den bereits bestehenden Auftragsbestand von über 20 Milliarden Euro erheblich und bindet zusätzliche Engineering‑Kapazitäten.
Welchen Einfluss hat das Kurs‑Gewinn‑Verhältnis von 50 auf die Bewertung?
Ein KGV von 50 gilt als außergewöhnlich hoch für den Rüstungssektor und drückt die Aktienbewertung, sodass selbst starke operative Zahlen nicht sofort in Kursgewinne übersetzt werden.
Quellen
- https://marineforum.online/meko-a-200-deu-vier-weitere-u-jagd-fregatten-gebilligt/
- https://esut.de/2026/08/fachbeitraege/ruestung/meko-a-200-deu-und-u212cd-tkms-im-aufwind/
- https://www.hartpunkt.de/auftragsbestand-von-tkms-waechst-auf-ueber-20-milliarden-euro/
- https://www.finanztrends.de/tkms-aktie-haushaltsausschuss-billigt-fregatten-auftrag/







