
Nach einer mehrjährigen Durststrecke gewinnt der europäische Emissionsmarkt wieder an Fahrt. Die jüngsten Daten zeigen, dass die IPO-Erlöse in Europa im dritten Quartal 2026 um mehr als 25 % im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind – ein Zeichen für einen sich stabilisierenden Zugang zu Wachstumskapital für mittelständische Champions. Gleichzeitig bleiben die Aktivitäten in der DACH-Region hinter den Erwartungen zurück, während groß angelegte Deals, insbesondere in der CEE-Region, neue Maßstäbe setzen.
IPO-Aktivität in der DACH-Region 2026: Zahlen und Fakten
- Die IPO-Erlöse in Europa wuchsen im 9-Monats-Zeitraum 2026 um über 25 % gegenüber 2025 (PwC IPO Watch Q3 2026).
- In Deutschland wurden bis September 2026 nur acht neue Börsen-Emissionen registriert (EY IPO-Barometer Q3 2026).
- Der DAX und der ATX verzeichneten 2026 Kursgewinne, jedoch blieb der IPO-Motor “noch immer nicht richtig angesprungen”, wie im GoingPublic-Interview betont wurde.
“Im Frühjahr haben wir die geopolitischen Unsicherheiten als größte Herausforderung für den Kapitalmarkt gesehen”, erklärt Jürgen Prumetz, Leiter Corporate Capital Markets bei der Erste Group. Trotz dieser Unsicherheiten sei die Volatilität zwar leicht erhöht, aber die Marktteilnehmer reagierten gelassener auf Krisen.
CSG als Benchmark-Deal in der CEE-Region
Der Börsengang der Czechoslovak Group (CSG) markierte im Januar 2026 mit einem Volumen von 3,8 Mrd. EUR und einer Gesamtbewertung von rund 25 Mrd. EUR den größten Emissionsdeal für ein Rüstungs- und Technologieunternehmen in Europa. Der Deal kombinierte 750 Mio. EUR Primärkapital mit einer umfangreichen Umplatzierung von Anteilen (Greenshoe).
- Börsenbewertung CSG beim IPO: 25 Mrd. EUR (Finanzen.net, 2026).
- Emissionsvolumen inkl. Greenshoe: 3,8 Mrd. EUR.
“Die CSG wurde im IPO mit einem Gesamtwert von schätzungsweise 25 Mrd. EUR gelistet”, so die Quelle Finanzen.net. Dieser Erfolg unterstreicht das Potenzial profitabler Listings in der CEE-Region, insbesondere für Unternehmen mit breiten Cashflows und geopolitischer Relevanz.
Private-Equity-Strategien: Secondary-Transaktionen und Dual-Track-Ansätze
Ein wachsender Exit-Stau im Private-Equity-Sektor zwingt Fondsgesellschaften, vermehrt auf Secondary-Transaktionen und Continuation-Fonds zurückzugreifen. Gleichzeitig planen viele Emittenten für 2027 parallel Dual-Track-Strategien, um sowohl den Börsengang als auch alternative Exit-Optionen zu prüfen.
- 70 % der zehn größten europäischen IPOs 2025 wurden von Private-Equity-Unternehmen initiiert (PwC Annual Review 2025).
Markus Mayer, Head of Capital Markets bei der Baader Bank, betont: “Wir sehen eine gut gefüllte Pipeline für 2027, die von Large- zu Small-Caps reicht und aus unterschiedlichen Branchen und Eigentümerstrukturen kommt. Gleichzeitig sehen wir aber auch eine gestiegene Anzahl von Secondary-Private-Equity-Transaktionen.”
Ausblick auf die IPO-Pipeline 2027: Sektoren und Treiber
Für das kommende Jahr zeichnet sich eine substanzielle Pipeline ab, die vor allem aus Familienunternehmen, Carve-outs und spezialisierten Zulieferern für Künstliche-Intelligenz-Infrastruktur besteht.
- Halbleiter- und Chip-Hersteller für KI-Rechenzentren
- Energie- und Rechenzentrumsbetreiber
- MedTech-Unternehmen
- Rüstungs- und Verteidigungsfirmen
Die starken Cashflows und regulatorische Rahmenbedingungen in diesen Bereichen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für erfolgreiche Listings.
Makroökonomische und geopolitische Einflüsse
Die Inflation, steigende Energiepreise und höhere Zinsen beeinflussen das Investitionsklima in Deutschland und Österreich. Gleichzeitig prognostizieren Analysten für 2027 ein moderates Wirtschaftswachstum in beiden Ländern.
“Die US-Midterm Elections und mögliche Ankündigungen des Präsidenten Trump können den Kapitalmarkt erneut stark bewegen”, warnt Markus Mayer. Er ergänzt, dass ein möglicher Zins- oder Handelskonflikt nach den US-Wahlen das derzeit günstige Klima für IPOs gefährden könnte.
“Investoren aus den USA sind wieder verstärkt in ihren Heimatmärkten aktiv”, ergänzt Prumetz und verweist auf die jüngste Rückkehr von US-Kapital in europäische Titel.
ESG und Governance: Neue Bewertungsansätze
ESG hat sich von einem reinen Schlagwort zu einem konkreten Bewertungselement entwickelt. Schwache Governance-Profile werden zunehmend sanktioniert, während solide ESG-Strategien keinen automatischen Aufschlag mehr garantieren.
“Ein gutes ESG-Rating ist gut, wird aber nicht automatisch positiv in die Bewertung miteinbezogen”, erklärt Markus Mayer. Er führt weiter aus, dass Unternehmen mit schlechten Governance-Werten langfristig eine signifikante Underperformance aufweisen.
Schnellüberblick:
Warum konzentrieren sich IPOs 2026 auf Großprojekte wie CSG, nicht auf mittelständische Unternehmen?
Weil Großinvestoren in diesen Zeiten nach Liquidität und Nachhaltigkeit suchen: Nur große, gut strukturierte Unternehmen mit soliden Cashflows und breiten Investorenbasen erhalten den Zuschlag.
Welche Branchen dominieren die IPO-Pipeline für 2027?
Zulieferer für KI-Infrastruktur (z. c. Halbleiterhersteller), Energie- und Rechenzentrumsbetreiber, MedTech-Unternehmen und Rüstungsfirmen – alles Bereiche mit hoher Konsens-Wachstumsprognose und regulatorischem Schutz.
Wie beeinflussen geopolitische Unsicherheiten den europäischen Kapitalmarkt?
Sie erhöhen die Volatilität, doch Marktteilnehmer reagieren gelassener auf Krisen und passen ihre Strategien an, um Risiken zu steuern.
Was bedeutet die vermehrte Nutzung von Secondary-Transaktionen für Private-Equity-Investoren?
Sie ermöglicht die Mobilisierung von Kapital trotz länger als geplanten Halteperioden und schafft zusätzliche Exit-Möglichkeiten, während gleichzeitig Druck auf IPO-Bewertungen entsteht.






