
Ein erfolgreicher Börsengang stellt nur den ersten Schritt auf dem Weg zu nachhaltiger Marktpräsenz dar. Ohne spezialisierte Small- und MidCap-Banken, die Research und Designated Sponsoring bereits im Syndikat verankern, drohen nach Ablauf der Stabilisierungsfrist rasch sinkende Handelsvolumina, Coverage-Verluste und Bewertungsabschläge. Gerade die schwache IPO-Aktivität in Deutschland (2025: drei Börsengänge, ca. 1,19 Mrd. € Emissionsvolumen) und die selektive Marktphase im ersten Halbjahr 2026 machen ein robustes Aftermarket-Konzept unverzichtbar.
Rückgang des Designated Sponsoring und Folgen für die Aftermarket-Liquidität
Im Xetra-Handel der Deutschen Börse ist die Anzahl aktiver Designated-Sponsoring-Mandate seit mehreren Jahren rückläufig. Laut einem Bericht von GoingPublic Media (2024) sank die Zahl von 532 auf unter 500, wobei 2023 nur noch 496 Mandate bestand. Der Rückzug großer Adressen wie Stifel Europe Bank AG, die ihre betreuten Mandate von 45 auf 14 reduzierte, verdeutlicht den Trend im Nebenwertesegment.
- Breiterer Spread (hohes Xetra Liquidity Measure) erhöht Transaktionskosten für Investoren.
- Institutionelle Investoren ziehen sich zurück, wenn keine kontinuierliche Coverage vorhanden ist.
- Das Risiko von Bewertungsabschlägen bei späteren Platzierungen steigt.
Der quantitative Beleg zeigt, dass Designated Sponsoring kein administratives Detail ist, sondern aktiv strukturiert werden muss, um die Sekundärmarkt-Liquidität zu sichern.
Skandinavisches Ökosystem als Vorbild für Nebenwerte-Investoren
Skandinavische Nebenwerte-Spezialisten bieten substanziell komplementäre Nachfrage, die von globalen Tier-1-Konsortialbanken oft nicht systematisch erschlossen wird. Eine Studie des Deutschen Aktieninstituts (2025) belegte, dass Schweden zwischen 2016 und 2023 über 508 Börsengänge realisierte – mehr als Deutschland, Frankreich und Italien zusammen. Dieses Volumen hat ein hochspezialisiertes institutionelles Investorennetzwerk hervorgebracht, das kontinental-europäische Industrie- und Nischenführer gezielt zeichnet, sofern eine qualifizierte Vor-Ort-Analyse vorliegt.
Die dortigen Asset Manager besitzen lange Erfahrung, fundierte Modelle und ein vertrauensbasiertes Verhältnis zu ihren Analysten. Das Ergebnis: stabile Aftermarket-Liquidity und geringere Volatilität für die betreuten Titel.
Regulatorische Rahmenbedingungen – EU Listing Act und Research-Unbundling
Der EU Listing Act (Richtlinie EU 2024/2811) hebt seit dem 6. Juni 2026 die frühere MiFID-II-Schwelle von 1 Mrd. € Marktkapitalisierung komplett auf. Damit dürfen Emittenten jeder Größe gebündelte Zahlungen für Research und Orderausführung (Re-Bundling) leisten. Gleichzeitig verlangt die Richtlinie von Asset Managern jährliche Qualitätsbewertungen und transparente Kundenvereinbarungen.
Marktbeobachter warnen jedoch, dass viele globale Großbanken ihre Research-Desks für Small- und MidCaps trotz der Neuregelung nicht wieder aufbauen. Der regulatorische Reformansatz allein reicht also nicht aus, um das seit MiFID II geschwächte Research-Umfeld nachhaltig zu verbessern.
Praktische Konsequenzen für das Emissionssyndikat
Die Erfahrung von Felix Pröfrock (Managing Partner, Münchmeyer Petersen Capital Markets) verdeutlicht, warum ein lokales Research-Haus im Syndikat unverzichtbar ist:
„Ein Börsengang ist nicht nur eine Transaktion, sondern der Beginn eines Lebens als börsennotiertes Unternehmen.“
Er betont weiter:
„Der Markt kann sich Nachlässigkeit nicht leisten.“
Und schließlich:
„Wir haben MPCM aufgebaut, weil wir der Überzeugung sind, dass der deutsche Kapitalmarkt Dienstleister braucht, die Small- und MidCaps über Jahre begleiten.“
Aus diesen Zitaten leiten sich drei Handlungsfelder ab:
- Frühzeitige Einbindung spezialisierter Research-Häuser: Sie übernehmen Designated Sponsoring, sichern Coverage nach dem Blackout und ermöglichen gezielten Corporate Access.
- Vertragliche Bindung von Designated Sponsoring-Mandaten: Ohne klare Verpflichtungen droht ein breiter Spread und der Rückzug institutioneller Investoren.
- Aufbau eines Aftermarket-Pakets: Einschließlich Coverage-Modell, Finanzierung, Roadshow-Kalender und langfristiger Analysten-Seniorität.
Durch die Kombination von lokalen Spezialisten und internationalen Tier-1-Häusern lässt sich die Aftermarket-Resilienz stärken und die Bewertungspotenziale deutscher Mittelstandstitel langfristig sichern.
Schnellüberblick:
Was unterscheidet die Rolle eines Junior Joint Bookrunners von der eines Global Coordinators?
Der Global Coordinator verantwortet die Gesamtprozessführung, das zentrale Orderbuch und die finale Preisfindung. Der Junior Joint Bookrunner konzentriert sich komplementär auf spezialisierte Investorengruppen (z. B. Nebenwertefonds, Family Offices), Research-Education und die Sicherung der Sekundärmarktliquidität nach dem Pricing.
Warum hat MiFID II die Nebenwerte-Coverage so drastisch reduziert?
MiFID II verbot die Querfinanzierung von Analysen über Handelskommissionen (Unbundling). Fondsgesellschaften mussten Research künftig aus eigener Tasche oder über getrennte Budgets zahlen, woraufhin vor allem Analysen zu illiquiden Small- und MidCaps aus Kostengründen abbestellt wurden.
Reicht der EU Listing Act aus, um das Research-Problem für deutsche MidCaps zu lösen?
Rechtlich beseitigt die Novelle seit Juni 2026 die Hürden des Unbundling für alle Unternehmensgrößen. Da internationale Großbanken ihre Nebenwerte-Teams jedoch in den vergangenen acht Jahren abgebaut haben, füllen fast ausschließlich spezialisierte Boutiquen diese Lücke profitabel aus.
Quellen
- https://www.ey.com/dede/news/2026/10/ey-ipo-barometer-q3-2026
- https://www.dai.de/fileadmin/userupload/240402StudieErfolgsmodellSchweden.pdf
- https://www.goingpublic.de/ag-magazin/designated-sponsoring-sinkende-liquiditaet-bei-small-und-mid-caps/
- https://www.eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:32024L2811







