
Der Premiumkonsern Mercedes-Benz steht vor der Aufgabe, die Entwicklung und Produktion seiner Fahrzeuge schneller und günstiger zu gestalten. Das angedachte Baukastenprinzip, das vor allem von Massenherstellern genutzt wird, soll dabei helfen, Kosten zu senken und die Time-to-Market zu verkürzen. Gleichzeitig wirft die Anwendung eines solchen Modells bei einer Premiummarke kritische Fragen nach Markenidentität, Qualität und Wettbewerbsfähigkeit auf.
Warum Mercedes ein Baukastensystem braucht
Die jüngste Gewinnwarnung des Unternehmens macht die Dringlichkeit deutlich. Für das Jahr 2026 rechnet Mercedes mit einer bereinigten Umsatzrendite von nur noch zwei bis drei Prozent pro eingenommenem Euro – ein Rückgang gegenüber den bisher üblichen drei bis fünf Prozent. Als Ursachen nennt das Unternehmen höhere Kosten und ein schwaches Geschäft in China. Die Notwendigkeit, Kosten zu senken, stellt das Unternehmen vor die Frage, wie es seine Entwicklungs- und Fertigungsprozesse effizienter gestalten kann.
Wie das Baukastenprinzip funktioniert – Ein Überblick
Modulare technische Plattformen
Beim Baukastenprinzip werden zentrale technische Module so konzipiert, dass sie in mehreren Fahrzeugmodellen eingesetzt werden können. Statt für jede Baureihe eigene Plattformen zu entwickeln, sollen größere Bauteile standardisiert und über verschiedene Modelle hinweg genutzt werden. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vergleicht das Prinzip mit Lego: “Mit großen vorgefertigten Teilen ist man bei Lego schneller als mit den kleinen Bausteinen.” Übertragen auf die Automobilproduktion bedeutet das, dass der Aufwand bei Entwicklung und Montage reduziert wird.
- Einheitliche Karosserie-Rohbauten
- Gemeinsame Antriebs- und Elektronikmodule
- Standardisierte Innenraummodule für unterschiedliche Fahrzeuggrößen
Mercedes nutzt derzeit für Mittelklasse-Modelle wie den GLC und für die S-Klasse unterschiedliche Plattformen für Elektro- und Verbrennungsmotorfahrzeuge. Die neue, für die 2030er-Jahre geplante Architektur könnte diese Trennung aufheben und eine flexiblere Modellentwicklung ermöglichen.
Expertenmeinungen zum modularen Ansatz
Ferdinand Dudenhöffer sieht in der modularen Produktion einen wichtigen Hebel zur Kostensenkung. Er betont: “Die Produktion prägt die Kostenstruktur wie keine andere Variable.” Dudenhöffer schätzt, dass allein beim Rohbau der Karosserie Einsparungen von “20 Prozent plus X” realistisch seien.
Frank Schwope, Dozent an der Fachhochschule des Mittelstands Berlin, sieht Mercedes im Rückstand gegenüber anderen Herstellern, die bereits modulare Architekturen nutzen. Er erklärt: “Bei der modularen Architektur scheint Mercedes anderen hinterherzulaufen.” Schwope rechnet mit Einsparungen in Milliardenhöhe pro Jahr, jedoch erst nach einem mehrjährigen Umstellungsprozess, der sich voraussichtlich erst Anfang der 2030er-Jahre auszahlen werde.
Jürgen Pieper, Autoanalyst, äußert eine vorsichtige Haltung: “Ein Baukasten bis zu einem gewissen Umfang ist in Ordnung, aber hier bei Mercedes wirkt es wie eine Notlösung.” Er warnt, dass eine zu starke Standardisierung den Premiumanspruch der Marke verwässern könnte. Trotzdem erkennt er das Einsparpotenzial und schätzt rund eine Milliarde Euro pro Jahr, sobald die Vereinheitlichung in den relevanten Baureihen greift.
Mögliche Einsparungen und Zeitrahmen
Die Experten sind sich einig, dass das Einsparpotenzial erheblich ist, jedoch zeitlich gestaffelt wirksam wird. Die wichtigsten Bereiche, in denen Kosten reduziert werden können, sind:
- Einkauf – durch gebündelte Beschaffung großer Module
- Entwicklung – durch gemeinsame Entwicklung von Standardkomponenten
- Modellpolitik – durch flexibleren Einsatz bereits entwickelter Basistechnologien
Schwope und Pieper gehen von Einsparungen in der Größenordnung von einer Milliarde Euro pro Jahr aus, wobei die Wirkung erst nach drei bis fünf Jahren sichtbar wird. Dudenhöffer weist darauf hin, dass die eigentlichen Einsparungen im Rohbaubereich bereits schneller realisiert werden könnten.
Kritik und Grenzen des Baukastens bei Premiumfahrzeugen
Für einen Premiumhersteller wie Mercedes stellt die Balance zwischen Standardisierung und Individualität eine besondere Herausforderung dar. Pieper betont, dass Premiumproduzenten traditionell Wert auf markante Unterschiede zwischen den Baureihen legen. Eine übermäßige Vereinheitlichung könnte die Markenidentität untergraben.
Dudenhöffer warnt zudem vor einem zu schnellen Produktionsrhythmus: “Man muss Autos nicht im ‘Affentempo’ zusammenbauen, wenn darunter das Produkt leidet.” Die Gefahr liege darin, dass Qualität und das Prestige, das mit dem Stern-Logo verbunden ist, leiden könnten.
Ein weiterer Risikofaktor ist der schwierige chinesische Markt. Trotz verschiedener Strategien – etwa Volkswagen mit “In China, for China” – hat bislang kein westlicher Premiumhersteller einen überzeugenden Weg gefunden, den rückläufigen Absatz dort zu stoppen. Mercedes muss also nicht nur intern Kosten senken, sondern gleichzeitig seine Marktposition in China verteidigen.
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